Neues EU-Projekt: INVET – Informelle Berufsbildung bei Schaustellern

Herne.
Das Mulvany- und das Emschertal Berufskolleg realisieren gemeinsam im Rahmen des europäischen-Projektes INVET (Informal Vocational Education of Travellers) ein neues Bildungsprojekt für Jugendliche aus Schaustellerfamilien.
Ziel von INVET ist es, jugendlichen Schaustellern zu ermöglichen, zusätzlich zu ihren im formalen Bildungssystem erworbenen Kompetenzen auch ihre beruflichen Kompetenzen, die sie „Learning by doing“ in den Familienbetrieben erworben haben, offiziell anerkennen und zertifizieren zu lassen.
Diese sollen nun durch die erprobte EVC-Methode (Erkenning Verworven Competenties = Anerkennung erworbener Kompetenzen) aus den Niederlanden festgestellt und anerkannt werden.
Diese Methode ist seit einigen Jahren eine feste Größe in der niederländischen Bildungslandschaft und auch auf dem Arbeitsmarkt.

Projektpartner sind die Bezirksregierung Arnsberg als Antragsteller und Koordinator, das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Herne, der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Emschertal-Berufskolleg, das Berufskolleg Herne, die IHK Mittleres Ruhrgebiet, die Ruhr-Universität Bochum, das regionale berufliche Ausbildungszentrum ROC Nijmegen, das private Forschungsinstitut für Berufsbildung und Arbeitsmarkt KBA Nijmegen, die Stichting ROC Nijmegen sowie die Schaustellerverbände BOVAK, BSM und DSB.

Junge Schausteller werden meist schon während der schulischen Ausbildung in den Familienbetrieb integriert, leisten damit ihren Beitrag zum Betriebserfolg und erwerben so über Jahre bereits einige berufliche Kompetenzen.
Ihre berufliche Ausbildung im Anschluss an die allgemeinbildende Schule baut darauf auf und ist traditionell geprägt vom Prinzip „learning by doing“ in der Familie.
Diese erworbenen Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind unbestritten – werden allerdings nicht als berufliche Qualifikation anerkannt.
„90 Prozent machen keine Ausbildung. Weil sie eben die Tradition fortsetzen wollten. Doch es ist nicht jede Woche Cranger Kirmes, und kleine Volksfeste würden nach und nach eingestellt“, so BeKoSch-Koordinator Franz-Josef Berkenkötter.
Als Folge ist die Existenz mancher Schausteller bedroht.
Genau an diesem Punkt setzt das neue internationale Bildungsprojekt der Bezirksregierung Arnsberg an. Es trägt den Titel „Feststellung und Anerkennung von non-formalen und informellen Kompetenzen in der beruflichen Bildung von jugendlichen Schaustellern“ und wird im Rahmen des Programms Erasmus+ von der Europäischen Union gefördert.

Zwar gibt es für jugendliche deutsche Schausteller mit den Herner BekoSch-Lehrgängen ein speziell zugeschnittenes Berufsbildungsangebot, allerdings wird an den Berufskollegs in Deutschland noch keine Erfassungsmethode für ihre informellen Kompetenzen eingesetzt.

Zuständig für die Zertifizierung solcher beruflicher Kenntnisse wäre beim Herner Projekt die IHK Mittleres Ruhrgebiet zuständig, die das Projekt für sehr sinnvoll hält, weil es die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhe, falls die Jugendlichen die Schaustellerbranche verlassen. Man werde aber genau darauf achten, dass die Teilqualifikationen, die nachgewiesen werden sollen, auch tatsächlich vorhanden sind.

Am 1. und 2. Dezember 2014 fand das erste INVET-Partnertreffen am Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Herne statt. Im Anschluss traf sich das Projektteam mit Präsident Albert Ritter auf dem Essener Weihnachtsmarkt.
Für ESU-Präsident (Europäische Schausteller Union) Albert Ritter gewinnt wegen der wachsenden Anforderungen an die Schausteller die formale Anerkennung beruflicher Erfahrungen und Kompetenzen zunehmend an Bedeutung: „Die ESU unterstützt dieses wichtige Projekt, weil es hilft, die Berufsaussichten der Schaustellerjugendlichen nachhaltig zu verbessern.“
Ritter gratulierte der Bezirksregierung Arnsberg zur erfolgreichen Förderung des Projektes durch die Europäische Union.