Schulische Bildung in den Zeiten von Corona – noch ganz gut durchgekommen

Wie lernen wir in der Krise und was können wir durch sie lernen? Auf diese Frage müssen die deutschen Bildungsministerien in diesem Jahr Antworten finden. Größere Trends lassen sich auch in den kleinen
Gruppen der Gesellschaft wie unter einem Mikroskop beobachten. Wichtige Entwicklungen zeigen sich auch
in den Bereichen des Bildungssystems die schon länger nicht im Vordergrund der Politik stehen.
BERiD (Verband zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern der Angehörigen reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V.) hat sich zum Ziel gesetzt, Benachteiligungen dieser Kinder aufzuspüren,
zu beobachten und im Gespräch mit den beteiligten Institutionen zu reduzieren.

So lag es nahe die besondere Situation der Kinder und Jugendlichen aus beruflich reisenden Familien während der
Corona-Krise genauer anzuschauen. Wie hat sich die Situation verändert? Haben die in den Erlassen vorgesehenen Strukturen und Ressourcen funktioniert? Wie hilfreich waren sie? Und wie hat der Versuch des Lernens mit digitali-
sierten Strukturen funktioniert? Was können wir für dessen weitere Entwicklung festhalten?

Um Antworten auf diese Fragen nahe zu kommen hat BERiD – unterstützt durch die Strukturen von DSB und BSM
eine digitale Umfrage unter Eltern schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher über die Erfahrungen des ersten Halbjahrs
seit dem Beginn des totalen Lockdowns im März 2020 durchgeführt.
Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass sie in der Zeit einer historisch einmaligen Existenzbedrohung
der gesamten Veranstaltungsbranche sich an dieser Umfrage beteiligt haben.

Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage basieren auf einer zufälligen Auswahl von über soziale Netzwerke angesprochenen Schaustellerfamilien. Die Ergebnisse sind somit nicht repräsentativ, liefern allerdings Einblicke in die Situation der Beschulung der Kinder und Jugendlichen während der Einschränkungen zu beginn der Corona-Krise von
März bis September 2020.

Die Ergebnisse bestätigen die schwierige Lage der Familien, die neben den existenziellen Sorgen infolge der Krise auch noch die Aufgaben während des noch nicht erprobten „Home-Schoolings“ bewältigen mussten.
Ungefähr die Hälfte der Familien berichtet von schwierigeren familiären Lagen und erhöhtem Aufwand bei der häuslichen Unterstützung der Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit. Sie geben allerdings auch an, dass sie dies gut bewältigt hätten. Ob dies tatsächlich so war oder der Situation der Befragung geschuldet war, ist nicht erkennbar.

Die Schulen haben sich in dieser Zeit dieser spezifischen Gruppe der Schülerinnen und Schüler gut gewidmet.
Das Prinzip des in den Erlassen geregelten Systems aus Stamm- und Stützpunktschulen hat sich bewährt.
80% der Kinder und Jugendlichen wurden in den Stammschulen beschult und es haben sich kaum Probleme bei der Aufnahme gezeigt. Allerdings haben auch 14% der Kinder und Jugendlichen in diesen Monaten aus unterschiedlichen Gründen keine Schule besucht.
Wer eine Schule besucht hat, hatte auch Unterstützung. Zum einen durch die Schulen selbst und auch durch das Unterstützungssystem der Bereichslehrkräfte.
Ein Viertel der Familien beklagt eine zu geringe Unterstützung während des totalen Lockdowns, in der Phase der teilweisen Rückkehr äußern sich mehr als 50% zufrieden.
Bei der teilweisen Rückkehr in die Schule haben die Schulen nach Meinung der Familien relativ wenig Druck verbreitet. Nur 23% berichten von erhöhtem Leistungsdruck. Auf Unterschiede zwischen den Schulstufen wird in den einzelnen Kapiteln gesondert hingewiesen.

Ein wichtiges Ergebnis zeigt sich bei der teilweisen Rückkehr in die Schule. Circa 60% der Schülerinnen und Schüler waren froh, wieder in die Schule gehen zu können. In der Grundschule waren es sogar 72%. Hier zeigt sich eklatant die Bedeutung der sozialen Dimension des schulischen Lernens.
Die Schulen haben das Material zu 75% über den E-Mail-Postverkehr oder über schuleigene Serverstrukturen abgewickelt. Immerhin 25% der Schulen taten dies entweder mit der „analogen“ Post oder über den direkten Besuch der Familien.
Trotz eines erheblich gestiegenen Aufwands der Hilfe bei den schulischen Aufgaben (mehr als 44%) in den Familien waren diese der Meinung, dies auch gut bewältigt zu haben.

Die Ergebnisse jedenfalls können sich auch sehen lassen. Insgesamt ca. 95% der Kinder und Jugendlichen wurden versetzt oder haben die Prüfungen bestanden. In die Digitalisierung der Beschulung setzen offenbar viele Familie größere Hoffnungen. 62% haben das „Home-Schooling“ als ein gutes Beispiel empfunden, 34% hegen noch größere Erwartungen
für das Portal „DigLu“. es ist aber auch deutlich, dass die Familien die Erfahrung gemacht haben, dass entscheidende
Faktoren für den Erfolg regelmäßiger Kontakt zu den Schulen und Bereichslehrkräften, Face-to-Face-Kommunikation als Ergänzung des digitalen „Lernens“ und eine bessere Ausstattung der Schulen und Familien unabdingbar sind.

Hier werden Forderungen nach besserer Versorgung der Familien mit technischen Geräten durch den Staat deutlich. Hintergrund ist eben auch, dass ein Gerät bei mehreren Kindern in der Familie oft nicht ausreicht und das die Erfahrung gemacht wurde, dass die Qualität der schulischen Ausstattung hinter der der Familien zurücksteht.

Auch die Arbeit der Bereichslehrkräfte hat sich bewährt. In fast 70% der Fälle konnten die Familien Kontakt zu einer Bereichslehrkraft aufnehmen.. Eindeutig positiv wird die Arbeit bei der Vorbereitung und Begleitung der Aufnahme in die Stammschulen und bei der teilweisen Rückkehr in die Schulen bewertet. Die Antworten lassen erkennen, dass sich die Familien erheblich mehr Ressourcen und eine aktivere Rolle für dieses Unterstützungssystem wünschen.

Was sind die zentralen Ergebnisse?
Die Kinder und Jugendlichen sind unter dem Leistungsaspekt gut durch die Zeit gekommen, nahezu alle wurden versetzt oder haben die Prüfungen bestanden
Erreicht wurde dies zum Einen durch einen erheblichen Einsatz der jeweiligen Familien, die die zusätzliche Belastung im Alltag gespürt haben und tragen mussten. Aber auch die Schulen haben sich in dieser Zeit gekümmert. Kommunikation und Unterstützung hat in nahezu drei Viertel funktioniert.
Die Arbeit der Bereichslehrkräfte wird von Seiten der Familien sehr hoch geschätzt. Kinder und Jugendliche sind gern wieder in die Schule zurück gekehrt.
Die Digitalisierung muss auch für diese Gruppe entschieden verbessert werden. Viele Eltern setzen große Hoffnungen auf diese Entwicklung.
Aber auch: 14% der Kinder und Jugendlichen haben in dieser Zeit keine Schule besucht. 25% der Eltern berichten von wenig Unterstützung und Kontakt mit den Schulen.
Der Weg der Digitalisierung des Lernens kann nicht ohne die direkte Beziehung zwischen den beteiligten Menschen laufen.

Was bleibt zu tun?
Die technische Ausstattung der Schulen und der Familien muss verbessert und aufeinander abgestimmt werden. Leihgeräte oder finanzielle Unterstützung sind wesentlich für die Zukunft.
„Face-to-Face-Unterstützung“ beim Lernen (Video-Systeme) und verbindliche regelmäßige Kontakte zwischen Schulen, Familien und Bereichslehrkräften müssen grundlegender Bestandteil der digitalen Bildung sein.
Eine an die fortschreitende Digitalisierung angepasste Aufgabenbeschreibung und der Ausbau des Systems der Bereichslehrkräfte werden ein wesentlicher Bestandteil sein müssen, wenn wir den Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen aus reisenden Familien entscheidend voranbringen wollen.

Die Darstellung der gesamten Einzelergebnisse finden sie auf der BERiD-Homepage unter dem Link:
https://berid.de/wp-1c7ce-content/uploads/2020/11/BERiD-Corona-Umfrage-102020.pdf

Quelle: Jürgen Hein, Präsident BERiD