Mobil vor der Schule lernen – Hessen und NRW Vorreiter

Bildungsbaustein Frühkindliche Bildung für alle Kinder aufbauen

Während alle Bundesländer in den letzten Jahren auf den schulischen Bedarf für Kinder beruflich Reisender mit entsprechenden Konzepten reagiert haben, fehlt der Bildungsbaustein der frühkindlichen Förderung immer noch.

Hessen und NRW haben sich jetzt auf den Weg gemacht, ihr bisheriges Schulkonzept den Forderungen der KMK
von 2016 um das der frühkindlichen Bildung zu ergänzen.

Bundesweit besuchen 92,3 % (Statistisches Bundesamt, 2018) der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren eine Kindertageseinrichtung zur frühkindlichen Förderung. Für neun von zehn Kindern ist damit die Kita zum alltäglichen Ort
des Aufwachsens geworden.

175 Millionen Kinder sind weltweit ohne Vorschulbildung. Dazu gehören in Deutschland auch die Kinder beruflich
Reisender, wenn sie mit den elterlichen Betrieben mitreisen. Sie haben nur selten die Möglichkeit, eine vorschulische Einrichtung in der Nähe ihrer Eltern zu besuchen. Während der Besuch der Schule in Deutschland Pflicht ist, ist der
Kita-Besuch – anders als in vielen europäischen Ländern – ein Angebot an die Eltern, das sie nicht in Anspruch
nehmen müssen, wozu sie aber ein Recht haben.

Wir wissen heute aus der Forschung, dass die Kita sowohl den Kindern als auch den Eltern zugutekommt. In Kindertageseinrichtungen lernen die Kinder spielerisch und erwerben motorische und kognitive Fähigkeiten, die für
den erfolgreichen Übergang in die Grundschule ganz entscheidend sind. Sie knüpfen erste Beziehungen außerhalb
ihres engen Familienkreises, finden Freunde, lernen sich zu messen und entdecken ihre Persönlichkeit neu.

Kinder aus reisenden Unternehmen sind beim Kindergartengesetz, das kommunal umgesetzt wird, schlichtweg
vergessen worden. Damit erhalten sie weniger Angebote zur Unterstützung ihrer kognitiven Entwicklung bzw. zur Vorbereitung ihrer schulischen Bildung. Im Vergleich zu Nichtreisenden werden sie benachteiligt.
Beruflich reisende Eltern arbeiten in der Regel sieben Tage die Woche und erhalten nicht wie andere – nichtreisende –
Eltern die Entlastung, die sie dringend benötigen. Wenn sie ihrer Arbeit am späteren Nachmittag oder Wochenende nachgehen, haben Kitas in der Regel geschlossen. Anders als zum Beispiel in Schweden richtet sich die Öffnungszeit
nicht nach den beruflichen Herausforderungen der Eltern. 

BERiD, die Bildungsorganisation der beruflich Reisenden, will das ändern und unterstützt die Forderung der KMK und
die Entwicklung und Organisation eines mobilen Angebots frühkindlicher Bildung für Kinder beruflich Reisender.
Dafür hat sie eine Projektleiterin und eine wissenschaftliche Begleitung eingesetzt, die für dieses Bildungsangebot im Ehrenamt arbeiten. Geprüft werden aktuell folgende Möglichkeiten:

  • das Angebot von Plätzen für Reisende in bereits vorhandenen Kitas in der Nähe der Festplätze,
  • die Öffnung von Kitas auch an Wochenenden,
  • die Einrichtung einer Kita-Gruppe für reisende Kinder an ausgewählten Orten als Zweigstellen von Kitas,
  • der Einsatz mobiler Kitas, die auf den Festplätzen aufgestellt werden bzw. zu den Festplätzen fahren (ebenso als Zweigstellen von Kitas oder als besondere Angebote der Städte)
  • mobile Angebote für Kinder im Vorschulalter während der Jahrmärkte.

 

Eine erste Einrichtung war mit dem KiTa-Zweckverband Essen in NRW gefunden.
Das dortige Team hat sich zwei Jahre zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben pädagogisch-didaktisch für ein mobiles vorschulisches Angebot engagiert.
Die KItA St. Clemens hat ihre Türen zur Fronleichnam-Kirmes in Oberhausen-Sterkrade geöffnet.
Leider waren 2020 alle Jahrmärkte Corona zum Opfer gefallen.

Die Konzepte liegen abrufbereit in der Schublade. „Unser Kindergarten muss für alle Kinder da sein, die in unserer Gemeinde sind“, so die Leiterin der Einrichtung. Zusätzliches Personal und finanzielle Mittel wurden für ein vorschulisches Angebot für das lange Wochenende bereitgestellt. Eltern mit reisenden Unternehmen hätten erstmalig eine vergleichbare Entlastung während ihrer beruflichen Tätigkeit gefunden.

Auch Hessen hat sich aufgemacht: Seit dem 1. September 2020 ist die Evangelische Innere Mission (EVIM) im Auftrag
des Hessischen Sozialministeriums für Vorschulkinder in Hessen aktiv, die mit ihren elterlichen Unternehmen unterwegs sind.

Hessen ist nun das zweite Bundesland nach NRW, das dem Wunsch von BERID nach vorschulischer Förderung auf der Reise in einem dreijährigen Projekt nachkommt.
Frau Prof. Briedigkeit von der Fachhochschule Südwestfalen hat sich bereit erklärt, auch im Bundesland Hessen wie in NRW den reisenden Kindern mit ihrer Expertise zur Seite zu stehen. Das sind großartige Bedingungen für das Gelingen
des angelaufenen Bildungsprojekts.

Fazit:
Bildung in Deutschland steht immer wieder hinsichtlich seiner Chancengerechtigkeit in der Kritik.
Hessen und NRW haben als erste Bundesländer den Bedarf für alle Kinder als Voraussetzung zu einer größeren Chancengerechtigkeit erkannt und aktuell  finanzielle Ressourcen für Kinder aus reisenden Unternehmen zur Verfügung gestellt.
Ein Konzept für Kinder, die die Einrichtungen aufgrund der elterlichen Berufsausübung wechseln müssen, erfordert Flexibilität, Kreativität und Einfühlungsvermögen. Städte- und Landkreistage müssen wissen, dass nach Corona mit den Fahrgeschäften auf ihren Festen nicht nur Schausteller kommen, sondern Familien, die vergleichbare Bedürfnisse haben wie die Menschen in ihren Kommunen. 

Textquelle und Bild: Birgid Oertel, Min.R’tin des Hess. Kultusministeriums,
ehrenamtlich tätige Projektleiterin von BERiD für die mobile frühkindliche Förderung