DSB im Interview mit Mathias Michl zu den BeKoSch-Kursen: Angebote und Möglichkeiten für den Schaustellernachwuchs

„Ich empfinde die BeKoSch-Kurse an den drei Standorten als erfrischende Chance, durch die Jugendlichen Neues in die Firmen der Schausteller zu bringen.“
Mathias Michl, Ausbildungsleiter BeKoSch-Nidda im Interview mit Andreas Horlbeck, Bundesfachberater des DSB e.V.

Berufliche Bildung für Jugendliche und Erwachsene des Reisegewerbes:
Mit dem Bildungsangebot „BeKoSch“ (Berufliche Kompetenz für Schausteller) gehört Hessen zusammen mit Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zu den drei Standorten in Deutschland, die ein spezielles berufliches Bildungsangebot
für beruflich Reisende anbieten.

Das Blockangebot wird hauptsächlich in den Wintermonaten Januar und Februar durchgeführt, da die Geschäfte der beruflich Reisenden in der Regel in der Winterpause stillstehen.

Mathias Michl ist der Ausbildungsleiter für die BeKoSch-Seminare in Hessen. Stellvertretend für alle drei Standorte spricht der Bundesfachberater des DSB Andreas Horlbeck im Interview mit Herrn Michl über die Angebote und Möglichkeiten für
den Nachwuchs im Schaustellergewerbe.

Herr Michl, beschreiben Sie unseren Lesern doch zu Beginn einmal, was alles zu Ihrem Aufgabenbereich in Bezug auf die berufliche Bildung unserer Schaustellerjugendlichen gehört?

Ich bin Ausbildungsleiter für berufliche Bildung beruflich Reisender in Hessen. Zu meinen Aufgaben zählen natürlich in erster Linie der Präsenz- und der Fernlernunterricht. Neben der Weiterentwicklung bestehender Angebote von BeKoSch, wie die elektrisch unterwiesene Person, sind neue Ausbildungsbereiche, wie die Ausbildungen Verkäufer/in, Einzelhandels-kauffrau/-mann und das duale Bachelorstudium zur Wirtschaftswissenschaft mein Schwerpunkt.

Hier können wir wirklich Akzente setzen, die Jugendlichen und damit das Gewerbe voranbringen. Zur Umsetzung dieser Visionen ist die ständige Rückkopplung mit den Schaustellerverbänden, der Schaustellerseelsorge, der Industrie und Handelskammer (IHK) und nicht zuletzt meinem Arbeit- und Auftraggeber dem Hessischen Kultusministerium von großer Bedeutung.

Was genau bedeutet BeKoSch?

BeKoSch ist eine Abkürzung und steht für Berufliche Kompetenz für Schausteller und Circus.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein berufliches Bildungsangebot, speziell für Jugendliche von beruflich reisenden Eltern. Methodik und Didaktik entsprechen der „Reise“ und sind der Ortsunabhängigkeit der Jugendlichen angepasst. Die Jugend-
lichen lernen in Präsenz vor Ort an einer Berufsschule und bleiben im Fernlernen mit der Berufsschule in Kontakt.

Warum sollten die angehenden Schausteller die Lehrgänge besuchen? Welche Möglichkeiten bietet BeKoSch den jungen Menschen?

BeKoSch ist ein berufsbildendes Angebot, angepasst an die Lebensumstände auf der Reise. Die jugendlichen Schausteller*innen haben in ihrem jungen Leben viele Schulen besucht, und sind beruflich vorgeprägt für die Reise.
Insofern könnte man meinen, dass die Schule wenig sinnvoll und effektiv für Schausteller*innen sei, wären da nicht die ganzen technischen und kaufmännischen Neuerungen, die ständig variieren und beachtet werden müssen.
Nehmen wir nur einmal die handwerklichen und geschäftlichen Kenntnisse. Viele Jugendliche erhalten ihre Kenntnisse durch ihr näheres, familiäres Umfeld. Da nicht nur die Technik schnelllebig ist, sondern auch die Geschäftsprozesse sich verän-
dern und erneuern, kann die Berufsschule sehr hilfreich sein. Man denke nur an die Verwendung der neuen Medien und die Chancen des Internets. Die Berufsschulen lehren und lernen am Puls der Zeit und geben das weiter, was aktuell ist. Dort möchte ich die Schaustellerjugendlichen auch sehen und empfinde die BeKoSch-Kurse an den drei Standorten als erfrischende Chance, durch die Jugendlichen Neues in die Firmen der Schausteller zu bringen.

Nicht zuletzt ist BeKoSch auch ein Weg, die gesetzliche Berufsschulpflicht im Rahmen von saisonfreundlichem Block-
unterricht zu erfüllen. Leider beenden auch heute noch Jugendliche die Schule nicht vollständig. Sie fühlen sich in die BeKoSch-Kurse gezwungen, statt sie als das wahrzunehmen, was sie sind: Eine Chance! Bei diesen Teilnehmer*innen wird’s dann wirklich schwierig mit guten Argumenten zu punkten, warum berufliche Bildung wichtig ist.

In meiner Arbeit als Bundesfachberater des DSB ist es stets mein Ziel, allen Schausteller*innen die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen.
Durch die Vielschichtigkeit unserer Tätigkeiten kann man dies aber nicht in einem einzigen (Ausbildungs-)Beruf unterbringen, so dass wir uns schon vor Jahren von diesem Weg verabschiedet haben.
Aber kann BeKoSch aus Ihrer Sicht in diesem Zusammenhang etwas dazu beitragen, einzelne Bereich aufzugreifen und den Schülern zu vermitteln?

Ich gebe offen zu, dass ich diese Entscheidung damals bedauerte. In dieser Situation entwickelte sich aber die Chance, BeKoSch zu verändern, wie wir dies heute bei BeKoSch in Nidda sehen. Junge Schausteller*innen erhalten seit 2013 ein Angebot für einen IHK-Ausbildungsberuf und seit 2020 sogar die Möglichkeit eines Bachelor-Studiums.

Dies alles entstand in enger Kooperation mit meinen Kolleg*innen in Herne und Neumünster, um die traditionellen Ausbildungen der Einzelhandelskauffrau (IHK), des Einzelhandelskaufmanns (IHK) in Nidda auf den Weg zu bringen.

Das umfangreiche IHK-Curriculum konnten wir in das BeKoSch-Konzept integrieren und hatten in der ersten heißen Testphase die geeigneten Schausteller*innen. Die Ausbildung ist bis heute ein großer Erfolg und hat seit 2018 Zuwachs durch die Verkäuferin/den Verkäufer (IHK) erhalten und seit 2020 noch ein duales Studium zur Seite gestellt bekommen. Hintergrund in der Auswahl der Ausbildung war die von Ihnen beschriebene Vielschichtigkeit im Schaustellerwesen zu bündeln. Bei den Finanzen liegt die Schnittmenge aller Geschäfte. Alle Schausteller*innen arbeiten mit den Einnahmen,
sind kaufmännisch tätig. Jedes Geschäft auf dem Platz macht die Buchhaltung, kalkuliert, vergleicht und kauft ein.
Die Ausbildungen dazu heißen Einzelhandelskauffrau/-mann, bzw. Verkäuferin/Verkäufer. Gehen wir auf dem Platz ins Detail, so wird die von Ihnen beschriebene Vielschichtigkeit sichtbar. Lebensmittel in verschiedenen Ausprägungen treffen auf Fliegende Bauten, Laufgeschäfte oder Verlosungen. Dafür haben die BeKoSch-Standorte tatsächlich eine Antwort für die berufliche Bildung der jugendlichen Schausteller*innen. Neben den erwähnten kaufmännischen Inhalten, öffnen wir an allen BeKoSch- Standorten unsere Werkstätten für Schausteller*innen. Dort lernen sie in den Bereichen Metall, Elektro, Holz, Farbgestaltung und Ernährung grundlegende Handlungsschritte. Da wir auch in den Berufsschulen Schwerpunkte setzen, können teilweise nicht alle gewerblichen Bereiche durchgängig an allen Standorten angeboten werden.

Über die Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht hinaus bietet BeKoSch den Vorteil, den Grundstock einer vollwertigen Ausbildung, z.B. als Einzelhandelskaufmann, darzustellen.

Wie funktioniert das? Gibt es da schon Ergebnisse (Zahlen)?

Als vollwertige Ausbildungen bieten wir momentan die/den Verkäuferin/Verkäufer (IHK) und die/den Einzelhandels-
kauffrau/-kaufmann (IHK) an. Die Ausbildung ist in den normalen Rhythmus von BeKoSch, bestehend aus Präsenz- und Fernlernen, eingegliedert. Dadurch ermöglichen wir es einer breiten Anzahl an Schausteller*innen neben dem Beruf die Ausbildung abzuschließen. Während wir den Einzelhändler im Jahr 2013 starteten und 2014 die ersten erfolgreichen Prüfungen verzeichnen konnten, haben wir den/die Verkäufer/in für Jugendliche ab 16 erst im Jahr 2018 eingeführt.
Für beide Ausbildungen haben wir bisher über 30 Schausteller*innen einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss ermöglicht. Der Erfolg im Abschluss als Verkäufer/in oder als Kauffrau/Kaufmann im Einzelhandel liegt bei annähernd 100 Prozent. Das ist ein absolut hervorragendes Ergebnis, was nicht zuletzt den Teilnehmer*innen zuzuschreiben ist. Sowohl die Erfahrungen im Schaustellerbetrieb, die Disziplin auch fern von Schule zu lernen und auch die eigenen Möglichkeiten einzuschätzen, scheinen für das Ergebnis wichtige Faktoren zu sein. Gemeinsam mit der Schule als gute Lernumgebung für Schausteller*innen kann man von gemeinsamen Partnern am Erfolg sprechen.

Die Corona-Krise brachte für uns Schausteller seit März 2020 gravierende Einschnitte in unser Berufsleben.
Viele Betriebe sind in ihrer Existenz bedroht.
Ist es aus Ihrer Sicht in dieser Situation von Vorteil, dass es die BeKoSch-Seminare mit den verschiedenen Ausbildungsangeboten gibt und
können Sie uns einige konkrete Beispiele nennen?

Die gesamte Kultur und Veranstaltungsbranche liegt brach, die Schausteller*innen als Teil der Kulturlandschaft sind durch die Untersagung der Feste und Märkte ihrer Selbständigkeit quasi „entmündigt“. Mit einer unglaublichen Kreativität begegnen viele Familien seit Beginn der Krise der Stilllegung ihrer Geschäfte und arbeiten in vielfältigen Branchen.
Der Einzelhandel ist hier ein häufig genannter Bereich. Eine Ausbildung als Verkäufer/in oder Einzelhändler/in entscheidet dabei über eine Anstellung als Fachkraft oder Aushilfskraft. Dieser Unterschied ist vor Ort in der Art der zugewiesenen Aufgaben spürbar, auch monetär. Da sind schnell einmal mehrere Euro Unterschied im Stundenlohn spürbar.

Mit dieser Situation konnte niemand rechnen und auch das Ende ist nicht abschätzbar. Eine qualifizierte berufliche Bildung bzw. auch eine Ausbildung haben wir bei BeKoSch seit jeher beworben, da das Leben so viele Facetten zeigen kann, die wir nicht bestimmen können. Eine Ausbildung ist für das Geschäft des Schaustellers weder nachteilig noch hinderlich, sondern ganz im Gegenteil: Sie öffnet Möglichkeiten, schafft Perspektiven. Für den Betrieb – und für die jungen Schausteller selbst. Das wird zurzeit ganz besonders sicht- und spürbar.

Text und Foto: Andreas Horlbeck (Bundesfachberater des DSB e.V.) erschienen im KOMET Nr. 5721 vom 20.07.2021